letzte Aktualisierung: 07.01.2003

Des Doden Manns Kiste

Diese Kiste ist ein Sammelsurium von Dingen, die in irgendeiner Weise mit Tierknochen zu tun haben: Schönes, Skurriles, Interessantes, Bemerkenswertes, über das ich im Lauf der Zeit gestolpert bin.
In der Knochenwerkstatt befinden sich Bilder von Knochenhandwerk(ern), die Postergalerie zeigt Plakate und unten in der Kiste liegen einige Quellenangaben zu den Elementen dieser Homepage.
Aleae iactae sunt!
Conquistadoren

Die Comic-Geschichte „Tränen der Sonne“ von Mata / Harriet spielt im Amazonasgebiet zur Zeit der spanischen Eroberung im Jahre 1532. Im ersten Band „Der Sonnentempel“ (München 1989) würfeln die gelangweilten Conquistadores mit Astragali – Schaf oder Ziege nehme ich an.

Könnte so gewesen sein, zumindest spielten holländische Kinder derzeit mit Würfelbeinen, wie das Bild „Kinderspiele“ von Pieter Bruegel dem Älteren aus dem Jahr 1560 dokumentiert. Seitdem scheint die Faszination von Spielen mit Knochen nicht nachgelassen zu haben. Zumindest in Nicaragua sammeln Kinder offensichtlich immer noch mit Begeisterung Phalangen und Astragali, wie man auf einem Rundschreiben (2/99) des Informationsbüro Nicaragua e. V. sehen kann. Und auch in Holland erfreut sich das sogenannte „Bikkelspel“ nach wie vor gewisser Beliebtheit: Bei „Beenbewerkster“ Monica Tielens gibt es römische und spätmittelalterliche Spiele in Ausführungen aus Knochen, Blei und Zinn. Und sogar aus Plastik wurden Astragali in Holland hierfür abgeformt.
Bruegel
Nicaragua
Foto: Informationsbüro Nicaragua
Bikkelen
Foto: Monica Tielens
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Knochen, Scherben, Grabbeigaben

heißt ein Computerspiel (nicht nur) für Kinder von 10 - 14 Jahren. Unser zumindest physisch durchaus erwachsenes Grabungsteam hatte jedenfalls auch jede Menge Spaß damit. Nach dem Ausbuddeln hilft die Osteologin (mit Knochen im Haar, um den Hals und in den Ohren, wie sich das gehört) die Knochenfunde zu bestimmen. Gibt's bei Terzio.

Pferdeschädel Osteologin Harpunen
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Knochenarbeit sells!

Zielgruppen mit außergewöhnlichen Wünschen erlauben außergewöhnliche Werbestrategien: Der Outdoor-Bekleidungs-Hersteller Patagonia illustrierte seinen Katalog Spring/Summer 2000 mit Knochenarbeitern: Christian und Daniel Grenier montieren das Skelett eines Finnwales für das Center of Environmental Education der Chewonki Foundation in Maine, USA.

Chewonki Foundation
Foto: Jock Montgomery
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Osteodontoceratosuchus

Diplom-Cartoon

„Professor Osculo bei der Postulierung der 'protoneolithischen osteodontokeratischen Kultur' beobachtet von einem osteophagen Kleinwiederkäuer“ oder so ähnlich könnte der Cartoon heißen, den mein Freund Norbert Bauer für das Titelblatt meiner Diplomarbeit zeichnete. Abgesehen von Cartoons zeichnet Norbert übrigens auch archäologische Befunde, Profile, Funde, llustrationen und alles mögliche andere.

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Eisblumen am Fenster

Auch in der mitteleuropäischen Plaste & Elaste-Kultur gibt es immer noch Nischen in denen Knochen für handwerkliche Arbeiten unverzichtbar sind: In der Kunstglaserei wird Knochenleim beim technischen Verfahren der „Eisblumierung“ verwendet. Dabei wird eine Glasscheibe zunächst sandgestrahlt um eine haftfähige Oberfläche zu erhalten. Anschließend wird der heiße Knochenleim auf die Scheibe aufgetragen. Beim Erkalten und Trocknen erzeugt der Leim eine so hohe Spannung, daß Splitter aus der Glasoberfläche brechen, wodurch ein charakteristisches Eisblumenmuster entsteht. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war Knochenleim die Standardgrundierung der Leinwand für Gemälde. Knochenleim wird heute als Granulat gehandelt. Beim Erhitzen stinkt's bestialisch nach Verwesung.

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I've been through the desert on a horse with no name, it felt good to be out of the rain

Okay, okay, es ist ein Kamel und möglicherweise war das Kamel bezüglich des Regens auch anderer Meinung, aber Kamele kommen bei America nun mal nicht vor. Diese Urlaubseindrücke der etwas anderen Art stammen aus dem Fezzan (Sahara) in Libyen mit.

Kamel KamelschädelFotos: Hans Wanders
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Finnwalkiefer Mit Gartenzwergen aufhalten

wollten sich die Bewohner dieses Grundstücks offensichtlich nicht: Finnwalkiefer in Bremen-Leuchtenburg.

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Künstliche und künstlerische Knochen

Abgesehen von Günther Karl in Wien verbinden auch andere Kunst mit Knochen:

Tiden Tand Da wäre z. B. die überdimensioniert Bronzeskulptur eines Mammutbackenzahnes von John Olsen vor dem Museum Ribes Vikinger in Dänemark. Die Skulptur trägt den Titel "Tiden Tand" (Der Zahn der Zeit).

Vor dem Bremer Goethe-Theater stehen die beiden Skultpuren "Love saves Life" und "Love Doesn't Last Forever" (1995/98) von Maurizio Cattelan, aufgestellt im Rahmen des Kulturprogramms „Kunst im öffentlichen Raum“ und, wie ich finde, eine schöne Metapher für den Zustand der Bremer Kulturförderung.

Love doesn't last forever
Aus sechs Katzenschädeln, diversen Katzenknochen und einem sächsischen Brunnen bestand die archäozoologische Installation „Gone down the Drain“, mein Beitrag zur Ausstellung „Mushi 2000-II“ im April 2002 in der Galerie Herold in Bremen.
Gone down the drain 1 Gone down the drain 2
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Shivers in the backbone – taphonomische Musik
Knochenklang
Foto: Knochenklang
Nicht gerade ein Chartbreaker, aber dafür wissenschaftlich äußerst interessant: Das „paläolithische Ensemble“ Knochenklang spielt auf originalen und rekonstruierten Flöten aus dem Paläolithikum Mitteleuropas. Erschienen ist die CD 2000 beim Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Kommt mit umfangreichem und sehr informativem Booklet.
Eher kontemporär sind die musikalischen Experimente der Einstürzenden Neubauten: In „Finger und Zähne“ testen sie die Klangeigenschaften der genannten Körperteile (LP „Zeichnungen des Patienten O. T.“, 1983). Ebenfalls nicht massenkompatibel.
"The worms crawl in and the worms crawl out
The ones that go in are lean and thin
The ones that crawl out are fat and stout
Your eyes fall in and your teeth fall out
Your brains come tumbling down your snout
Be merry my friends
Be merry
"
Bei dem Text von "Worms", einem von den Pogues arrangierten Traditional (LP "If I should fall from Grace with God", 1988), handelt es sich um eine recht anschauliche Darstellung eines taphonomischen Prozesses inclusive einer sehr einleuchtenden Schlußfolgerung.
Weder verständlich noch im Booklet abgedruckt ist leider der Text von "Animal Bones" von Therapy? aus Belfast (CD "Babyteeth", 1991).
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Knochen mit Hund Der Claviculus intercostalis

ist ein äußerst seltenes Skelettelement, das nur bei Brontosauriern vorkommt. Hervorzuheben ist, daß das der Claviculus intercostalis meines Wissens bis dato nur ein einziges Mal gefunden wurde und zwar bei einer paläontologischen Grabung in Utah (USA) im Jahre 1938. Unglücklicherweise ging das Fundstück wenige Tage nach seiner Bergung in Folge taphonomischer Ereignisse – in diesem Fall Einbettung in den Boden durch ein Raubtier aus der Familie der Canidae (s. Abbildung links) – verloren, so daß eine umfassende wissenschaftliche Dokumentation nicht möglich war. Erhalten ist lediglich eine kurze Sequenz im Film „Leoparden küßt man nicht“ (Regie:Howard hanks, USA 1938), in dem sich der Paläontologe David Huxley (alias Gary Grant) verzweifelt bemüht dem Desinteresse und der Unwissenheit der Öffentlichkeit entgegenzuwirken (s. Abbildungen unten). Sehr eindringlich dokumentiert werden auch die Schwierigkeiten bei der Drittmittelaquisition.
Laut einer Filmkritik handelt es sich bei Paläontologen um „ungeschickte, geistesabwesende, langweilige, verkalkte“ Individuen, eine Ansicht, der ich aus eigener Erfahrung weder beipflichten kann noch will.

Brontosaurus Breakdown 1 Brontosaurus Breakdown 2
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Groß wie ein Ochsenkopf, doch von anderer Form

Unterdessen redete Franz Binder weiter: Wir haben ja auch solche Gänge unter dem Haus. Der eine, der in den Weinkeller mündet, ist heut‘ noch begehbar; der andere nimmt seit dem Umbau die Abwässer auf.
Und der erste Mann:
Wohl, wohl! Ich weiß: bei dem Umbau, da ist man auf lauter Gewölbe gestoßen.
Und der zweite:
Wohl, wohl! Ich kann mich sogar erinnern. Das war so im Zehnerjahr – oder noch früher.
Und ein Gerippe haben sie gefunden! sagte Herta. Das war mit Ketten an der Mauer festgemacht.
Ist ja nicht wahr! sagte Franz Binder. Das ist so ein Märchen. Nur ein Haufen von Rinder- und Schweineknochen war unten.
Nur ein Haufen verrotteter Knochen war unten gewesen, dazu ein bestialischer Geruch, und dann der Schädel eines unbekannten Tieres, groß wie ein Ochsenkopf, doch von anderer Form, und in der Schädeldecke war ein Loch, so daß man in dieses Gehäuse hineinschauen konnte, und drinnen rollte etwas Schweres hin und her, das klang wie ein Würfel in einem beinernen Becher: es war ein plattgedrücktes Klümpchen Blei.
Es war eine Flintenkugel, erklärte Franz Binder. Man hat den Schädel umgedreht und geschüttelt; da ist sie schließlich bei dem Loch herausgefallen. Sie war ganz plattgedrückt, flach wie ein Geldstück!

In „Die Wolfshaut“ von Hans Lebert (München 1991), aus dem dieses Zitat stammt, geht es weder um die Bestimmung wissenschaftlich ungenau beschriebener Schädel, noch um die taphonomisch nachweisbaren Spuren von Bleikugeln, sondern um die Aufarbeitung bzw. Nicht-Aufarbeitung der Nazizeit im Nachkriegs-Österreich.

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Mehr Knochenarbeit

Nicht fehlen darf an dieser Stelle aus gegebenem Anlaß ein Hinweis auf das Buch, das den gleichen Titel trägt wie meine Website: „Knochenarbeit“ von Kathy Reichs (München 1999). Ein echtes Muß für alle, die etwas mit Taphonomie und Forensik am Hut haben: Die akribische Beschreibung des Alltags einer Gerichtsmedizinerin in Romanform und mitunter etwas unappetitlich. Kleine Kostprobe?

„Ein für die Schätzung der Leichenliegezeit sehr nützliches Tierchen ist die schwarze Soldatenfliege. Sie zeigt sich normalerweise erst zwanzig Tage nach Eintritt des Todes und ist ziemlich beständig in diesem Verhalten, auch wenn der Kadaver vergraben ist.“ „Und solche hast du gefunden?“ Ja.“ „Was sonst noch?“ „Die Auswahl an Käfern war etwas beschränkter, wahrscheinlich wegen der feuchten Umgebung. Aber die typischen Räuber waren vorhanden, und die dürften sich an den Maden und anderen Weichkörperformen sattgefressen haben.“

Weitere empfehlenswerte Romane von Kathy Reichs zum gleichen Thema sind „Tote lügen nicht“ (München 1998), „Laßt Knochen sprechen“ (München 2001) und „Durch Mark und Bein“ (München 2002).

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